Langfristige Wachstumsraten von Hongkong und Singapur seit 1960

Stefan Zeugner, 9850151

 

Zu den Daten

Motivation

Kommentar zu den Daten und deren Darstellung

Daten-Analyse Hongkong

Daten-Analyse Singapur

Erläuterungen und Schlussfolgerungen

Generelle Bemerkungen

Vergleich Singapur - Hongkong

Was wäre wenn ...?

 

Datenmaterial

Hongkongs Bevölkerung und BIP in HK$

Hongkongs Bevölkerung und BIP in US$

Singapurs Bevölkerung und BIP in S$

Singapurs Bevölkerung und BIP in US$

Hongkongs BIP/Kopf grafisch

Singapurs BIP/Kopf grafisch

 

Motivation

Ich habe für meine Untersuchung die beiden Stadtstaaten Hongkong und Singapur gewählt, weil sich gerade diese beiden von den Wachstums-Voraussetzungen her sehr ähneln. Beide sind autonome bzw. souveräne Staaten, die als Handels- und Finanzzentren in ein dynamisches Hinterland eingebettet sind. Beide haben eine seit den sechziger Jahren eine ähnliche Entwicklung von kolonialen (britischen) Hauptstützpunkten über eine Industrialisierung hin zum Dienstleistungszentrum durchgemacht und stehen heute wirtschaftlich auf dem Wohlstands-Niveau der G7-Staaten. Beide Städte zeichnen sich überdies durch eine ähnliche Kultur (chinesisch-konfuzianisch, britisch überprägt) und eine kurze Geschichte aus (Gründung 1844 (HK), bzw. 1821 (SP)) - und liegen auch geographisch als Insel-Agglomerationen an globalen Verkehrswegen. Ein gewichtiger Unterschied jedoch (abgesehen von der dreimal größeren Bevölkerungszahl Hongkongs) liegt in der Politik, die den Aufschwung der letzten 40 Jahre ermöglicht hat: Während Singapur von einer dirigistisch-autokratischen, aber auch konsensorientierten Regierung unter Lee Kuan Yew durch das Wachstum geleitet wurde (die zwar ökonomisch alle Freiheiten ermöglichte, aber doch den Staat als ökonomische Kraft verstand), wurde Hongkong von einer relativ liberalen Kolonialpolitik beherrscht, die sich eher dem Prinzip des laisser-faire verschrieben hatte - ich getraue mich zu behaupten, dass Hongkong noch heute die wahrscheinlich kapitalististischte Volkswirtschaft der industrialisierten Welt darstellt.
Ein zusätzlicher Grund für den Vergleich beider Staaten ist die Tatsache, dass deren Daten bis in die 50er zurück als relativ zuverlässig anzusehen sind, da die ehemals britische Verwaltung auf hohem Niveau und kontinuierlich weitergeführt wurde, während ich andere "Newly Industrialised Countries" mit ihrer politischen Geschichte und ihren früheren Daten als nicht so etwas ungenauer zu beobachtende Objekte einstufe.

 

Zurück zum Anfang

 


 

Kommentar zu den Daten und deren Darstellung

Angesichts der ost- und südostasiatischen Geschichte halte ich persönlich die ökonomische Geschichte seit den fünziger Jahren für interessantere Daten, da der Aufschwung des sekundären und modernen tertiären Sektors in beiden Städten erst nach dem zweiten Weltkrieg so richtig einsetzte. Nichtsdestotrotz war ich nur in der Lage, Datenreihen seit 1960 (für Singapur) bzw 1966 (Hongkong) aufzutreiben. Da Singapur jedoch erst 1959 (bzw. 1965) unabhängig wurde, ist es fraglich ob ältere verlässliche Daten überhaupt existieren.
Um die beiden Staaten vergleichbar zu machen, wäre es natürlich am besten, die alljährlichen BIP-Daten nach Kaufkraftparitäten zu analysieren. Diese für die ganze untersuchte Periode konnte ich allerdings nirgens finden: Darum habe die Daten beider Länder zum jährlichen Durchschnittswechselkurs in Dollar umgerechnet, was zwar die realen Wachstumsraten ein wenig verzerrt, aber dies bei beiden in gleichem Maße. Die Zahlen sind somit selbst nicht ganz so aussagekräftig wie mit Kaufkraftparitäten, ermöglichen aber mit dem Dollar als neutraler Währung einen ausgezeichneten Vergleich.

Die Daten über Hongkongs BIP und Bevölkerung sowie die Wechselkurse zum Dollar stammen aus den International Financial Statistics Yearbooks des IMF, auf die ich über SOWIS zugegriffen habe, während ich die Daten über Singapurs BIP und Bevölkerung der Homepage des Singapore Department of Statistics entnommen habe.

Die Berechnung von durchschnittlichen Wachstumsraten in Prozent erfolgte nach folgendem Prinzip:

g=[(Ym/Yn)1/(m-n+1) -1]*100

g .... Wachstumsrate in %
Yn ... Niveau (BIP od. Bev.) zum Zeitpunkt n
Ym ... Niveau (BIP od. Bev.) zum Zeitpunkt m

 

Zurück zum Anfang 


 

Analyse der Daten

Hongkong

Zunächst einmal habe ich den Durchschnitt der Expansionsperioden zwischen den Einschnitten 1973/74, 1985/86 und 1997/98 errechnet, wobei ich mich bemüht habe, jedesmal das Jahr der Zäsur miteinzubeziehen:

BIP-Wachstum in HK$ (%)

BIP/Kopf-Wachstum in HK$ (%)

Durchschnitt 1966-1973

8,2

6,0

Durchschnitt 1973-1986

7,7

5,5

Durchschnitt 1986-1997

5,7

4,1

Es fällt auf, dass das Wachstum von BIP und BIP/Kopf immer mehr abnimmt: Die Durchschnitte der Expanisonsperioden könnten somit als Indiz für eine Verlangsamung des Wachstums auf höherem Niveau gewertert werden.

Es ergibt sich ein Durchschnittswachstum seit 1966:

Gesamtdurchschnitt

6,6

4,6

 

Allerdings ist dazu zu sagen, das Hongkong eine äußerst offene Volkswirtschaft darstellt und daher das Wachstum des BIPs in US-Dollars durchaus von Interesse ist (vor allem für den nachherigen Vergleich mit Singapur).
Unter diesem Gesichtspunkt sehen die Durchschnitte anders aus:

BIP-Wachstum in US$ (%)

BIP/Kopf-Wachstum in US$ (%)

Durchschnitt 1966-1973

9,8

7,5

Durchschnitt 1973-1986

4,4

2,2

Durchschnitt 1986-1997

5,8

4,2

Gesamtdurchschnitt

5,6

3,7

Hier fällt auf, dass die durchschnittliche Wachstumsrate in den siebziger und frühen achtziger Jahren niedriger war, als die nachfolgende, was eigentlich der Annahme vom Productivity Slowdown widersprechen würde. Dieses ist auch in der graphischen Analyse erkennbar, vor allem wenn man eine Trendlinie benutzt:

 

Zum Vergleich: die selbe Grafik von Singapur

 

Wachstum des realen BIP/Kopf in US$
Trendlinie (Polynom zur 5. Potenz)
Regressionslinie 1967-1997
Regressionslinie 1967-1999

 

Hierbei habe ich einen Polynom zur 5. Potenz benutzt, um die "Delle" Anfang der Achtziger genauer hervorzuheben. Allerdings beeinflusst diese Delle den langfristigen Trend nicht entscheidend: Die Regressionslinie, auch wenn sie um die Asienkrise 1997 bereinigt wird, zeigt nach unten, was die These vom generellen Productivity Slowdown stützt.
Zur Trendlinie: Die Steigungen zu Beginn und am Ende des Diagramms sind nicht besonders aussagekräftig, da in beiden Fällen Rezessionen ohne ausgleichende Expansionen vorher bzw. nachher vorliegen.
 

Zurück zum Anfang 


 

Singapur

Die Analyse der Daten von Singapur führt zu einem etwas anderem Ergebnis. Die langfristigen Wachstumsraten zwischen den Expansionsphasen (die in Singapur zeitlich genauso gelagert sind, wie in Hongkong) sehen folgendermaßen aus - wieder in US-Dollar (um den Vergleich mit Hongkong ziehen zu können):

BIP-Wachstum in US$ (%)

BIP/Kopf-Wachstum in US$ (%)

Durchschnitt 1966-1973

11,8

9,3

Durchschnitt 1973-1986

7,6

5,8

Durchschnitt 1986-1997

13,1

9,9

Gesamtdurchschnitt

9,9

7,5

Hier ergibt sich dasselbe Bild wie in Hongkong, nur auf eine noch krassere Art und Weise - Die "Delle" in den siebziger und achtziger Jahren ist noch stärker auseprägt, und das Wachstum in der dritten Periode ist sogar noch stärker als in der ersten!
Nun könnte man natürlich annehmen, hier handele es sich um eine (beuwßt oder unbewußt) unglücklich Wahl der Perioden. Dennoch ist das Ergebnis der Analyse auch hier etwas seltsam:

 

Zum Vergleich: die selbe Grafik von Hongkong

 

Wachstum des realen BIP/Kopf in US$
Trendlinie (Polynom zur 5. Potenz)
Regressionslinie 1960-1997
Regressionslinie 1960-1999

 

Wieder ist die "Delle" der Trendlinie erkennbar (wobei ich wieder bitte, die Steigungen an Anfang und Ende zu vernachlässigen), und die Regressionslinie über den gesamten Zeitraum fällt leicht, was wieder ein Hinweis auf den Productivity Slowdown wäre. Lässt man die Trendlinie aber nur bis 1997 verlaufen - denn die Asienkrise war 1999 noch nicht beendet und kann somit als extremer Ausreißer angesehen werden - dann hat die Regressionslinie eine ganz klar positive Steigung (Und das obwohl die Berechnungszeitraum in diesem Falle mit einer Expansion beginnt, nicht so wie in Hongkong). Ist das nun ein Gegenbeispiel zur These des "Productivity Slowdown"? Oder nur mühsam an den Haaren herbeigezogen? Natürlich unterliegt die Berechnung an Hand des US-Dollars dem Problem der Währungsschwankungen, allerdings ist dazu zu sagen, dass der Singapur-Dollar gegenüber dem US-Dollar in der Zeit dieses starken BIP/Kopf-Abfalls von 1973 bis 1977 sogar um 7,5% aufgewertet hat und der Kurs während der achtziger Jahre weitgehend konstant blieb. Dazu ist eine Untersuchung des selben Datenmaterials in der Landeswährung von Interesse:

BIP-Wachstum in S$ (%)

BIP/Kopf-Wachstum in S$ (%)

Durchschnitt 1966-1973

9,9

7,5

Durchschnitt 1973-1986

6,6

4,8

Durchschnitt 1986-1997

9,2

6,2

Gesamtdurchschnitt

8,2

5,9

Auch in Singapur-Dollar ist die "Delle" klar ersichtlich, allerdings liegt diesmal das Wachstum in der dritten Phase unter dem der ersten Phase: Ein Productivity Slowdown ist somit doch zu erkennen: Eine Grafik soll das verdeutlichen:

 

 

Wachstum des realen BIP/Kopf in US$
Trendlinie (Polynom zur 5. Potenz)
Regressionslinie 1960-1997
Regressionslinie 1960-1999

 

Die Delle in der Trendlinie ist ebenso zu erkennen wie in den anderen Grafiken, aber die Regressionslinien zeigne diesmal eindeutig abwärts. Ein Grund für die seltsame Regressionslinie in der US-Dollar-Grafik mag vielleicht darin liegen, dass Singapur von 1989 bis 1997 seine Währung gegenüber den US-Dollar um insgesamt 34% aufgewertet hat.  

Zurück zum Anfang  


Erläuterungen und Schlüsse

 

Generelle Bemerkungen

Obwohl, wie gesagt, die seltsame Regressionslinie Singapurs im US-Dollar-Diagramm vermutlich auf Währungsschwankungen zurückzuführen ist, sind doch die Daten Singapurs insofern eigenartig, als die starken Differenzen zwischen der Periode 1973-1986 auffallen (in schwächerem Maße auch in Hongkong). Sie passen nicht ganz in das Bild eines stetigen Productivity Slowdown. Dagegen wiederum könnte man anführen, daß diese Zeiträume zu klein gewählt worden sind, um den Slowdown in Durchschnittswerten zu erfassen. Ein alternatives Konzept paßt meiner Meinung nach ebenso zu den Zahlen (obwohl dies kein Widerspruch zum Productivity Slowdown sein muss): nämlich das der Industrialisierung in Wellen. Beide Stadtstaaten haben bis in die siebziger vor allem billige Massenware erzeugt, bzw. damit und mit Rohstoffen gehandelt. Nach und nach übernahm aber das Hinterland dieses Modell und begann, eine Produktion Textilien, Spielwaren, etc. sowie eine Verarbeitung heimischer Rohstoffe aufzubauen. Das ermöglichte Hongkong und Singapur eine Umwandlung zu wirtschaftlichen Koordinationszentren, die wichtige Funktionen für internationale Wirtschaftsbeziehungen erfüllen.
Dieser Umstrukturierungsprozess erfolgte nach dem ersten Ölschock (der die "Schwellenländer" viel härter traf als die Industrieländer) und erfolgte gleichzeitig mit weltweiten Zinskrisen und Ölschocks. Dieser Umstrukturierungsprozess und die Probleme, die Ost- und Südostasien zu der Zeit durchmachten, sind meiner Meinung nach eine Erklärung für die niedrigeren Wachstumsraten bis Mitte der Achtziger.    

Zurück zum Anfang  


 

Vergleich Singapur-Hongkong

Betrachtet man die Daten, erkennt man, dass das BIP/Kopf Singapur deutlich schneller gewachsen ist als jenes von Hongkong und heute mit 19.206 US$ (1999) fast das Niveau Hongkongs (22.148 US$) erreicht. Singapur ist allerdings von einem viel niedrigerem Niveau gestartet (1.411 US$ gegenüber 6.750 US$ in Hongkong). Man könnte auch sagen, dass Singapur später gestartet ist, denn Hongkong erlebte schon Anfang der fünfziger Jahre (u.a. mithilfe 1949 geflohener Festlandchinesen) einen enormen Aufschwung, während Singapur durch den malayischen Bürgerkrieg und die Querelen bis zur endgültigen Unabhängigkeit nicht zu gleichartigen Wachstumsraten nutzen konnte.    

Zurück zum Anfang  


 

Was wäre wenn ...?

1999 betrugen reales BIP und BIP pro Kopf in US$ zu Preisen von 1990:

Singapur

Hongkong

BIP in US$

BIP/Kopf in US$

BIP in US$

BIP/Kopf in US$

74.782,24

19206,4

148.839

22148,7

 

Was wäre wenn die Ökonomien Singapurs und Hongkong um 0,5 Prozentpunkte p.a. weniger gewachsen wären?

Singapur

Hongkong

BIP in US$

BIP/Kopf in US$

BIP in US$

BIP/Kopf in US$

62.598,29

16077,2

127.265,10

18938,3

 

Wenn sie um 0,5 Prozentpunkte p.a. mehr gewachsen wären:

Singapur

Hongkong

BIP in US$

BIP/Kopf in US$

BIP in US$

BIP/Kopf in US$

89.265,56

22926,2

173.941

25884,1

 

Zurück zum Anfang